Das
Feuer hinter dem Berge

Roman
von
Juliane Karwath

Egon Fleischel & Co.
Berlin

1913

Alle Rechte vorbehalten
Copyright 1913 by Egon Fleischel & Co. Berlin

Christiane und Hardi Dorreyter waren nicht dieKinder innig zusammenströmender Gattenliebe. IhreMutter, ein herzlich armes, sehr schönes, aber unbegehrtesFräulein hatte den viel älteren Hauptmann in demGlauben genommen, daß für ihr Zähnezusammenbeißendas Gute schon nachkommen werde. Aber es geschah ihr,daß sie ohne Liebe zu tragen hatte, was der Liebe selberoft recht schwer fällt. Der Mann verwickelte sich infolgezögernden Avancements in allerhand Querulantengeschichten,die zwar noch einigermaßen beigelegt wurden,ihm aber den Abschied einbrachten. Es ging in ein rechtenges und armes Leben, das Mutter und Kindern schlechtbekam: der Frau, weil sie dem Manne, mit dem sie sichbetrogen hatte, noch immer Weib sein mußte, und denKindern, weil sie an allem ziemlich unverhüllt mitzutragenhatten, denn die Mutter gab ihnen in ihrer Verlassenheitihre Not sehr zeitig preis.

Die Mädchen lernten Abneigung und Mißtrauengegen den Mann.

Die lagen ihnen schon im Blute, die Stunde, die siegeschaffen, hatte sie ihnen tief eingetränkt.

Sie blühten nicht recht auf. Zwar hatten sie deneinen oder anderen Zug der Rhanes, welcher blaublütigenFamilie ihre Mutter entstammte, aber ihre Gestaltenblieben gestreckt, lang, flach, herb wie Schattenfrüchte.

Der Hauptmann starb. Frau Dorreyter, die ihreLeute bisher nur durch Unterstützung der Rhanes sattbekommenhatte, erhielt von diesen als endgültige Abfindungein kleines Kapital. Die Rhanes kauften zu derZeit, einer günstigen Heirat wegen, zwei Rittergüter undgründeten ein Majorat. Frau Dorreyter stürzte sichüber die paar Groschen, selig, ihre Mädchen ausbildenzu können. Sie war durch und durch Frauenrechtlerin,ohne viel mit Büchern oder aufrührerischen Personenzusammengekommen zu sein.

Sie lernte mit den Kindern. Die fühlten, wie gierigdie Mutter zu trinken versuchte und wie sie innerlicherzitterte, wenn sie ihre Kraftlosigkeit erkannte, undstemmten sich tüchtig an, um wenigstens selber zu glänzenund ihr dadurch Grund zum Stolz zu geben.

Die leise hervortretenden Rätsel des jungen Weibwerdensblieben den Kindern gleichgültig. Sie grübeltennicht.

Sie sehnten sich nach keiner Süßigkeit.

Frühzeitig kamen sie in das Seminar der Provinz.

Die Vorsteherin war ein derbmännliches Frauenwesen,das Unerhörtes leisten wollte. Mit einer rücksichtslosenEnergie schaltete sie alles Schwache aus. DieLehrerinnen, die sich verlobten, mußten sofort weg, dieSchülerinnen, die irgendwie versagten, wurden sofortentfernt. Muster sollte alles sein, Auslese.

Fräulein Schmöckler war nicht beliebt. IhremSchritt ging der Schrecken voraus, die reifen Lehrer errötetenvor ihren eisernen, oft rücksichtslos vor allen Schülerinnen gegebenen Tadelworten und bebten gleichihren Kolleginnen, wenn sie ins Bureau befohlen wurden.

Christiane erwarb sich rasch ziemliches Wohlwollen,Hardi aber bekam sofort ›Halbheit‹ vorgeworfen, dasSchlimmste, was Fräulein Schmöckler vorwerfen konnte,ohne daß sich aber entdecken ließ, wohin Hardis andereGeisteshälfte neigte. Die Rhanesche Familienkrankheit,die Bleichsucht, waltete über der Kleinen.

Christian

...

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